Aus dem Beziehungsalltag: Verlassene Eltern – wenn Kinder sich entschliessen, den Kontakt zu den Eltern abzubrechen

Den Kontakt zu den Eltern abzubrechen, ist meist ein Tabuthema – es passiert, aber niemand spricht darüber. Zu beschämend und schmerzhaft ist dieses Ereignis, bei dem es um das eigene Sein geht, die «heilige» Familie, die Wurzeln, die Heimat.
In meinem Beratungsalltag ist genau das immer häufiger ein Thema. Ratsuchende sind vorwiegend Frauen zwischen 35 und 60 Jahren, die die Beziehung, meist zur Mutter, als unerträglich, erniedrigend, abwertend erleben – sich weder gesehen, gehört, akzeptiert oder geliebt fühlen. Sie fragen sich, was sie falsch gemacht haben, wie das Zusammenleben mit den Eltern, Mutter oder Vater, so unerträglich werden konnte. Was müssen sie ändern oder wie können sie lernen, mit dieser Situation zu leben? Wie werden sie ihre Schuldgefühle los?

Da ist Frau H., 44 Jahre alt, deren Mutter jedem Konflikt mit ihrer Tochter aus dem Weg geht und ihren Unmut mit Schweigen und Liebesentzug kundtut. Frau S., 52 Jahre alt, hat noch nie ein lobendes Wort von ihrem Vater gehört. Sie erntet immer nur Kritik, weil sie angeblich alles falsch macht. Obwohl sie seit Jahren eine eigene Firma erfolgreich leitet, fühlt sie sich noch immer nicht gut genug und kann es sich selbst und ihrem Vater nie recht machen. Herr S., 56 Jahre alt, dessen Mutter alles nur negativ sieht und sich dabei im Pessimismus verliert. Der Sohn fühlt sich nicht wahrgenommen. Und Frau L., 37 Jahre alt, die von ihrer Mutter noch immer bevormundet wird, obwohl sie verheiratet und Mutter von vier Kindern ist.

Dies sind Beispiele aus meinem Praxisalltag. Sie zeigen auf, dass sich die Schatten der Vergangenheit auf die Gegenwart legen, wenn die alten Muster nicht gelöst und durchbrochen werden. Meist sind es die Kinder, die den Kontakt zu den Eltern abbrechen – manchmal langsam und schleichend, manchmal mit einem lauten Knall, in einer altbekannten, schmerzlichen Situation, die dann das bereits randvolle Fass zum Überlaufen bringt. Von aussen wirkt dieser Vorgang häufig unerwartet, abrupt, nicht nachvollziehbar und für die Eltern kommt er fast immer aus heiterem Himmel. In der Regel ist dem nicht so. Eine langjährige Folge von Verletzungen und Enttäuschungen aufseiten der Kinder führt zum Kontaktabbruch. Sie fühlen sich den Eltern oder einem Elternteil gegenüber ohnmächtig . Versuche, die Beziehung zu den Eltern zu verbessern, sind gescheitert und es fehlt die Kraft, diesen Zustand noch länger zu ertragen und immer weiter verletzt zu werden. Es geht dabei nicht um die Bestrafung der Eltern, sondern eher darum, selbst zu überleben.
Selten ist den Eltern bewusst, dass auch sie Fehler gemacht haben und so erscheint es vielen unmöglich, ihre Schuld einzugestehen. Zu gross ist die Angst, das eigene Leben und Handeln zu hinterfragen und als Versager zu gelten. Mit diesem Verhalten wird dem Kind signalisiert, dass mit ihm etwas nicht stimmt und dass man sein Wesen nicht akzeptiert. Der Selbstwert des Kindes orientiert sich immer an der Beurteilung der Eltern und an der Art und Weise, wie es behandelt wird.
«Meine Mutter nimmt meine Gefühle nicht ernst», «Ich bin ein Sensibelchen und überfordert», «Ich bin zu klein und kann meine Aufgaben nicht bewältigen», «Du bist zu dick und deshalb mag dich keiner» sind Glaubenssätze, die die Kinderseele schwer erschüttern. Sie stammen meist von Eltern, die ihren Kindern das Heranwachsen verweigern und nicht die notwendige Unterstützung geben, damit sie lernen, die eigenen Gefühle zu regulieren. Im schlimmsten Fall lernt das Kind, nach bestimmten Mustern zu funktionieren und sich anzupassen. Die Reaktionen sind so individuell wie die Kinder selbst. Manche fügen sich, andere werden rebellisch oder ringen um Aufmerksamkeit und wieder andere zeigen sich traurig oder aggressiv.
Jede Mutter, jeder Vater versucht sein Möglichstes für seine Kinder. Aber manchmal reicht das nicht aus, um eine entwicklungsfördernde Eltern-Kind-Beziehung aufzubauen. Eltern handeln vorwiegend aus erlernten Mustern, die in der eigenen Kindheit angelegt wurden und sie sind häufig selbst Opfer ungünstiger Familienverhältnisse.
Es lohnt sich also oftmals, den Blick in die Kindheit der Eltern zu richten, um zu verstehen, aus welchem Grund die Eltern vielleicht keine Worte der Anerkennung äussern, keine Gefühle zeigen können, Kommunikation nie gelebt haben, Abwertungen an der Tagesordnung sind, Bildung einen geringen Stellenwert hat, Alkohol- oder Spielsucht schweigend akzeptiert werden usw.
Es geht nicht darum, das Verhalten und das Geschehene zu entschuldigen, sondern darum zu verstehen, warum die Eltern so reagiert haben, wie sie es getan haben. Wahrscheinlich haben auch sie sich vorgenommen, es besser als ihre Eltern zu machen, weil sie wollen, dass es ihren Kindern gut geht. Doch häufig haben sich solche Verhaltensweisen wegen einer seelischen Störung oder mangelnder Fürsorge entwickelt und wurden von Generation zu Generation weitergegeben, weil nicht erkannt wurde, dass sie entwicklungshemmend und ungesund sind.
Für meine Klienten besteht der erste Schritt darin, sich bewusst zu machen, dass ihr Leben nicht mehr von den Eltern abhängig ist und dass sie ein liebenswertes Wesen besitzen, das eigene Entscheidungen treffen kann. Der Selbstwert ist nicht länger vom Verhalten der Eltern abhängig. Allerdings kann fehlende Zuneigung nicht nachträglich eingefordert werden. Das kann sehr schmerzhaft sein oder auch grosse Wut auslösen.
Im nächsten Schritt geht es darum, zu lernen, sich selbst zu lieben, sich anzunehmen in seiner Ganzheit als Mensch und achtsam mit sich umzugehen. Der eigene Wert ist nicht abhängig von den Erwartungen der Eltern oder anderer Personen. Jeder muss Verantwortung für sein Leben und sein Handeln selbst übernehmen.
Die Aufarbeitung findet wenn möglich mit professioneller Begleitung statt, in einem geschützten Rahmen mit einer Vertrauensperson. Gerne begleite ich Sie auf dem Weg zu mehr Selbstliebe und Selbstvertrauen.

Wer sich vorab in das Thema einlesen möchte, dem empfehle ich folgende Bücher:

Kontaktabbruch in Familien, Claudia Haarmann

Das war’s: Wenn Erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, Dorothee Döring

Aus dem Beziehungsalltag: Paartherapie – hilft das?

Wenn Paare zu mir in die Paarberatung kommen, ist es meistens bereits «fünf vor zwölf». Die Erwartungen an die Beratung und damit die Hoffnung auf das Wiedergelingen der Partnerschaft sind dementsprechend sehr hoch. Oft entstehen schwierige Gegebenheiten nicht von heute auf morgen, sondern es ist ein schleichender Prozess über Monate und Jahre hinweg. So können Situationen entstehen, in denen sich Partner unverstanden, entfremdet oder vernachlässigt fühlen. Die Beziehung wird immer anstrengender für beide und Sprachlosigkeit, gegenseitige Verletzungen, Trennungsfantasien, aber auch Ängste vor dem Verlassenwerden und dem Alleinsein nehmen zu und machen es besonders schwierig, wieder aufeinander zuzugehen.
Oft werde ich von Klienten am Telefon gefragt: «Was passiert denn bei in einer Paarberatung? Wie lange dauert eigentliche eine Paarberatung und kann sie denn tatsächlich helfen? Eine fremde Person, die uns nicht kennt, gibt Tipps und Ratschläge?»

Im Erstgespräch geht es darum, dass wir uns kennenlernen. Für mich ist es wichtig, von Ihrer individuellen Ausgangslage, Ihrem Anliegen und Ihren Erwartungen an die Beratung zu erfahren. Sie lernen meine Arbeitsweise näher kennen und ich unterbreite Ihnen mein Beratungsangebot für Ihre persönliche Situation.
Im therapeutischen Prozess wird nach Lösungen gesucht, die die Bedürfnisse, Gefühle, Werte und Ziele beider Partner berücksichtigen. Im Beratungsverlauf lassen sich in der Regel lang eingeschliffene Verhaltens- und Erwartungsmuster unterbrechen. Auf diese Art finden neue Ideen und Sichtweisen wieder Platz und Gehör, um als Paar den Teufelskreis von Beschuldigungen und Rechtfertigungen verlassen zu können.
Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass Paare, die zu mir kommen, nach etwa drei bis fünf Sitzungen eine deutliche Verbesserung der Beziehung erleben und sich wieder von mir verabschieden.
Sollte dafür keine Grundlage mehr vorhanden sein, zeigt sich dies ebenfalls bereits nach ein bis drei Sitzungen, und die Paarberatung wird dann unter Umständen zur Trennungsberatung.
In langjährigen Beziehungen haben sich aber manchmal über die Jahre Muster eingeschlichen, die nur mit Geduld und Ausdauer durch neue Muster ersetzt werden können. Nur wer bereit ist, sich persönlich und mit dem Partner weiterzuentwickeln, kann die alten Muster durch neue ersetzen und so die bestehende Situation verändern. In der Regel dauert eine Paartherapie, wenn starke und tiefliegende Verletzungen vorhanden sind, zwischen 5 und 15 Sitzungen, wovon jede ca. 90 Minuten dauert. Die Abstände zwischen den Sitzungen betragen anfangs zwei Wochen und weiten sich dann bis zu vier Wochen aus. Doch auch das ist ganz individuell, so wie die Anliegen der Paare, die zu mir kommen.

Die Frage, ob eine Paartherapie hilft, ist abhängig von Ihrer Definition, was denn eine Verbesserung für Sie wäre.
Wenn beide Partner noch eine Perspektive in der Partnerschaft sehen und beide spüren, dass trotz der momentanen Schwierigkeiten noch Zuneigung da ist, stehen die Chancen gut, dass sich das Paar wieder finden kann. Wenn Kinder mit im Spiel sind, ist die Motivation meist stärker. Grundsätzlich ist es ein gutes Signal, wenn ein Paar in die Therapie geht und aktiv um eine Veränderung der bestehenden Situation bemüht ist. Begleitet wird das Paar meist von einem starken Gefühl der Traurigkeit, weil ihre Beziehung nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt und gewünscht hätten. Als Therapeutin biete ich den Raum, leite und strukturiere das Gespräch. Der Rest liegt in Ihren Händen.
Beratung kommt an ihre Grenzen, wenn ein Partner sagt: «Ich will nicht mehr.» Bei den Paaren, die in die Therapie kommen, ist es oft so, dass sich der eine Partner nicht ganz sicher ist, dass er dem anderen nur einen Gefallen tun will oder sich etwas anderes erhofft.
Etwa zwei Drittel der Paare, die drei bis fünf Sitzungen bei einem Paartherapeuten besucht haben, bleiben zusammen. Dies erklärt sich vielleicht damit, dass sich bereits in ein bis drei Sitzungen zeigt, ob das Paar tatsächlich zusammenbleiben möchte oder sich definitiv trennt. 90 % der Paare, die mehr als fünf Sitzungen in Anspruch genommen haben, führen ihre Beziehung auf einer guten Ebene fort. Sie konnten sich gemeinsam auf eine Veränderung einlassen und haben sich ernsthaft mit ihrer Paarbeziehung auseinandergesetzt.

Als Paartherapeutin unterstütze ich Sie in Ihrem Veränderungsprozess hin zu einem wertschätzenden und liebevollen Umgang miteinander. Ich kann Ihre Probleme nicht lösen, Sie aber auf dem Weg der Lösungsfindung unterstützen und begleiten.

Aus dem Beziehungsalltag: Geht Trennung auch friedlich?

Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl, wenn die Liebe erloschen ist und der Streit überwiegt.Einer von beiden hat mit der Beziehung abgeschlossen, vielleicht sogar beide. Trennen kann man sich auf verschiedene Art und Weise.

Trennung muss nicht immer ein Scheitern bedeuten, sondern kann auch der bessere Weg für alle Beteiligten sein. Sie kann eine Chance sein, um auf einer anderen, neuen Ebene respektvoll miteinander umzugehen. Das ist nicht immer einfach und kann schmerzhaft sein. Und es erfordert Mut und Kraft von beiden Partnern, besonders wenn Kinder von der Trennung betroffen sind. Trennung kann aber auch sehr befreiend sein, den Weg für etwas Neues öffnen und für die Betroffenen den Anfang einer neuen und guten, vielleicht sogar freundschaftlichen Beziehung bedeuten.

Viele Paare stellen sich in dieser Situation die Frage: Schaffen wir es trotz allem in der gemeinsamen Vergangenheit, einen guten Weg zu finden und die Trennung für alle möglichst friedlich zu gestalten? Kann man sich in Frieden trennen?

In meinem Beratungsalltag habe ich erfreulicherweise die Erfahrung gemacht, dass dies durchaus möglich ist, wenn die Paare die gemeinsame Zeit mit Respekt betrachten und sich entsprechend verhalten. Entscheidend ist der Umgang der Eltern – untereinander und mit den Kindern.

Im Verlauf der Trennungsberatung kommen nicht nur organisatorische Aufgaben wie zum Beispiel die Betreuungsregelung, der Unterhalt oder die Aufteilung des Haushalts auf die Paare zu. Sie können in dieser Zeit auch lernen, respektvoll miteinander zu kommunizieren. Was vielleicht in der Beziehung zu kurz kam, ist nun umso wichtiger, da die Verbindung durch die Kinder ein Leben lang anhält und regelmässige Absprachen unausweichlich sind. Da gibt es die Übergaben vor und nach dem Wochenende, Rückmeldungen aus der Schule, aus dem Alltag der Kinder, neue Partner auf beiden Seiten und vieles mehr.

Im Austausch mit betroffenen Paaren haben sich dabei folgende Punkte als hilfreich erwiesen, um die Trennung und die Zeit danach friedvoller zu gestalten:

 

Bleiben Sie Eltern

Machen Sie alles, was in Ihren Kräften liegt, damit Ihr Kind Sie beide als Eltern behalten kann. Auch wenn Sie nicht mehr als Paar zusammen sein können: Das Kind braucht nicht nur die Mama oder den Papa, es braucht Sie beide als Eltern.

Informieren Sie Ihre Kinder

Kinder müssen ihrem Alter entsprechend über die Trennung und die Gründe informiert werden. Ausführliche Erklärungen sollten Sie vermeiden, da es um Themen auf der Erwachsenenebene geht und die Kinder mit den Inhalten meistens überfordert sind. Nehmen Sie sich Zeit für ihre Fragen und reden Sie darüber, wie es nun weitergeht.

Lassen Sie Ihre Kinder in der vertrauten Umgebung

Nach Möglichkeit sollten Ihre Kinder in der gewohnten Umgebung bleiben können. Das gibt ihnen einen Sicherheitsanker und das vertraute Zuhause, die Freunde und die Freizeitgestaltung wirken sich stabilisierend aus.

Tragen Sie keine Konflikte vor den Kindern aus

Konflikte und Themen, die Sie auf Eltern- und Paarebene zu besprechen haben, werden nicht vor oder mit den Kindern diskutiert. Auch Beleidigungen und Abwertungen vor den Kindern sind fehl am Platz. Klappt das nicht, weil Verletzungen die Kommunikation erschweren, nehmen Sie eine neutrale Fachperson hinzu, die Sie im Trennungsprozess begleitet.

Instrumentalisieren Sie Ihre Kinder nicht

Vermeiden Sie Situationen, in denen Ihre Kinder sich für einen Elternteil entscheiden müssen oder Partei ergreifen sollen. Kinder geraten so in einen Loyalitätskonflikt und stehen zwischen den Fronten der Eltern.

Ermöglichen Sie Ihrem Kind eine gute Zeit mit dem anderen Elternteil

Gönnen Sie Ihrem Kind eine gute Zeit mit dem anderen Elternteil aber auch mit dessen Familie, Freundeskreis und vielleicht auch irgendwann mit einem/r

neuen Lebenspartner/in. Treffen Sie Absprachen, arrangieren Sie sich.

Erarbeiten Sie eine Trennungsvereinbarung

Regeln Sie mithilfe einer neutralen Fachperson die wichtigsten Punkte wie die Betreuung der Kinder, das Wochenende, die Ferien und die Finanzen.

 

 

Gerne unterstütze ich Sie bei der Erarbeitung einer Trennungs- und Scheidungskonvention und begleite Sie bei der elterlichen Sorge, der Betreuung und Erziehung der Kinder im Trennungsprozess sowie dem Kinder-  und Ehegattenunterhalt, damit Sie für sich und Ihre Kinder einen guten Weg durch die Trennung finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus dem Beziehungsalltag: Die «vier apokalyptischen Reiter»

Man ärgert sich über den anderen, fühlt sich unverstanden, nicht gesehen oder nicht angenommen – solche Situationen gibt es in einer Beziehung immer wieder. Im besten Fall macht einer von beiden seinem Unmut Luft und sucht das Gespräch. Entscheidend ist die Art und Weise, wie man Probleme in einer Beziehung anspricht. Eine gelungene Kommunikation ist meiner Erfahrung nach eines der wichtigsten Instrumente, um Konflikte in der Beziehung erfolgreich zu bewältigen. Immer wieder zeigt sich in meinem Praxisalltag, dass die Paare wenig bis gar nicht miteinander reden und sich kaum gegenseitig austauschen. Stattdessen sprechen sie über die anstrengenden Arbeitskollegen, den Chef, die Freundin, den Nachbarn, das andere Paar, die Kinder – nur über sich selber zu reden, fällt ihnen schwer.

Haben Sie schon von den «vier apokalyptischen Reitern» in Beziehungen gehört? John Gottman schreibt in seinem Buch „Die sieben Geheimnisse einer glücklichen Ehe“ über vier Faktoren, die seiner Meinung nach so negativ wirken, dass sie eine Beziehung mit grosser Wahrscheinlichkeit dauerhaft zerstören. Dazu gehören Kritik, Rechtfertigung, Verachtung und Mauern.

Gottman empfiehlt, Beschwerden nicht als Kritik zu äussern. Die Partner sollen sich auf die Sachebene und auf den konkreten Vorfall konzentrieren, eigene Gefühle und Bedürfnisse formulieren und Verallgemeinerungen, Schuldzuweisungen, den Charakter und die Persönlichkeit des anderen ausklammern. So ist der Satz „Immer lässt du deine Sachen rumliegen – du bist wirklich ein echter Dreckhammel“ nach Gottman ein direkter Angriff. Typisch sind auch Worte wie „immer“, „nie“ oder „jedes Mal“, welche sowohl die Vergangenheit wie auch die Zukunft einschliessen. Wird sachlich über das Problem gesprochen, kann leichter eine konstruktive Lösung gefunden werden.

Kritik führt oft zu einer Eskalation. Sie löst das Gefühl aus, sich verteidigen und rechtfertigen zu müssen. Jede Rechtfertigung ist aber auch eine Beschuldigung des Partners. Es fallen Sätze wie «Du verstehst mich nicht» oder «Ich hatte einen anstrengenden Tag». Gottman empfiehlt, der Verstimmung des Partners auf den Grund zu gehen. Gehen Sie auf die Kritik Ihres Partners ein und besprechen Sie, welche Bedürfnisse zu kurz gekommen sind. Reden Sie darüber, wie Sie zukünftig mit Problemen umgehen wollen.

Ist der dritte apokalyptische Reiter, die Verachtung, in der Beziehung angekommen, geht es nicht mehr um die Lösung von Konflikten, sondern um das bewusste Verletzen des Partners. Glückliche und zufriedene Paare verzichten im Streit auf sarkastische, zynische und abwertende Kommentare. Laut Gottman ist die Verachtung der gefährlichste der vier apokalyptischen Reiter. Er sieht die Ursache darin, dass bereits lang bestehende Probleme nicht geklärt werden konnten. Besonders verletzend und zerstörerisch wird es, wenn vertrauliches Wissen gegen den Partner eingesetzt wird.

Entschliesst sich das Paar jedoch, die Beziehung weiterzuführen, betritt der vierte Reiter – das Mauern – die Bühne. Der Kritisierte zieht sich zurück, die Kritik bleibt ohne Reaktion zwischen den Partnern stehen. In der Regel ziehen sich Männer häufiger zurück als Frauen. „Indem er sich von ihr abwendet, geht er einem Streit aus dem Weg, aber ebenso seiner Ehe“, erklärt Gottman. Anfangs sieht der Rückzug nicht so dramatisch aus. Aber tatsächlich wird auf diese Weise die eigene Gleichgültigkeit gegenüber dem Partner demonstriert. Dies löst beim Gegenüber Frust, Zorn und Hilflosigkeit aus.

Es gibt einen fünften finalen Reiter, der nachträglich in die Überlegungen einbezogen wurde und der auf das Ende einer Partnerschaft hindeutet: die Machtdemonstration. Wird diese Stufe erreicht, haben die vier vorhergehenden Reiter schon ganze Arbeit geleistet und die Beziehung nachhaltig zerstört. Bei Reiter Nummer fünf ist das Interesse am Partner gänzlich gewichen und es wird keinerlei Rücksicht mehr auf Bedürfnisse und Gefühle des anderen genommen. Die Beziehung ist vorbei.

Wenn die Verliebtheit schwindet und von tiefer Liebe abgelöst wird, zieht meistens auch die Routine in den Alltag ein. Routine wird von vielen Paaren als stärkende Basis empfunden, um den herausfordernden Alltag zu bewältigen. Andere Paare beschreiben die Routine als anstrengend und langweilig. Routine kann zu einer Zerreissprobe für jede Beziehung werden. Es ist nicht immer einfach, die Macken und Schwächen des anderen auszuhalten. Oft beginnen dann schleichend die Probleme in der Beziehung. Wenn die «apokalyptischen Reiter» am Beziehungsfirmament erscheinen, bedeutet dies aber noch nicht das Ende der Beziehung.

Nun beginnt die Beziehungsarbeit. Tauschen Sie sich über Ihr Verhalten miteinander aus, lassen Sie Ihren Partner wissen, wo Sie stehen, was Sie sich wünschen und was Sie bewegt. Nehmen Sie sich Zeit, versuchen Sie Ihrem Partner zuzuhören und ihn zu verstehen. Wann haben Sie ihm das letzte Mal fünf Minuten einfach nur zugehört, ohne ihn zu unterbrechen, bereits die Lösung zu kennen oder sich schon ein Bild von der Situation gemacht zu haben? Versuchen Sie es mal!

Hilfreich zeigt sich dabei die Unterstützung einer Fachperson, denn Kommunikation kann man lernen. Denken Sie über eine Paartherapie nach. Über Beziehungsprobleme kann man sprechen und sich Hilfe zu holen, bedeutet nicht, dass man versagt hat. Wenden Sie sich für eine Paarberatung an mich, damit ich Sie unterstützen kann.

Aus dem Erziehungsalltag: Gutes Gesprächsklima schaffen

Kommunikation ist der Schlüssel zu jeder guten Beziehung, das gilt auch für ein harmonisches Miteinander in der Familie. Der hohe Anspruch an uns selbst, immer das Beste als Eltern geben zu wollen – trotz Arbeitsbelastung im Job, Schlafmangel und der Verzicht auf persönliche Bedürfnisse –, lassen uns dünnhäutiger und verletzlicher werden.

«So habe ich es nicht gemeint!»

Vielleicht haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, dass Ihre Worte manchmal bei den Kindern oder dem Partner nicht «richtig» ankommen? Oder dass ein Gespräch, welches ruhig begann, plötzlich umschlägt und schlechte Stimmung aufkommt? Das Gegenüber fühlt sich nicht ernst genommen, verletzt und reagiert aggressiv, wütend, traurig oder zieht sich zurück. Jedes einzelne Wort erhält durch die jeweilige Gemütslage, Stimme, Gestik und Mimik bei Ihrem Gesprächspartner Bedeutung und wirkt – aber nicht so, wie Sie es gemeint haben. Was können Sie tun, um ein gutes Gesprächsklima zu schaffen? Eine erfolgreiche Kommunikation ist nicht immer einfach, kann aber erlernt und geübt werden.

Interesse zeigen und aktiv zuhören

Im Alltag ist es wichtig, mit dem Kind im Gespräch zu bleiben; ohne zu drängen, sondern mit ehrlichem Interesse. Manchmal reicht schon ein aufmerksamer Blick, ein Kopfnicken oder ein sogenannter «Türöffner», um ein Gespräch in Gang zu bringen, wie zum Beispiel, wenn sich das Kind ärgert:

«Du bist die blödeste Mama von der Welt!»

«Wirklich?»

«Ja, wirklich! Es ist gemein von dir, dass ich…»

Oder

«Ich hasse den Kindergarten. Da gehe ich nie, nie wieder hin!»

«Du hasst den Kindergarten wirklich sehr.»

«Ja, alles ist dort scheisse. Besonders Frau Müller.»

«Du ärgerst dich ganz besonders über deine Lehrerin?»

«Ja, weil…»

Damit Ihr Kind spürt, dass Sie es ernst meinen, gehen Sie auf seine Augenhöhe und nehmen Sie Blickkontakt auf. Wenn es passt, fassen Sie Ihr Kind leicht bei den Händen oder den Schultern. Hören Sie ihm aktiv zu. Das heisst, Sie versuchen aufmerksam zwischen «den Zeilen zu lesen» und zu überlegen, was das Kind bzw. Ihr Gegenüber meinen könnte, ohne es bewusst schon selbst zu wissen. Das Ergebnis des Zwischen-den-Zeilen-Lesens formulieren Sie in eigenen Worten um und melden es zurück. Ein Prozess des gegenseitigen Verstehens kommt ins Rollen und Sie kommen dem Problem näher. Bieten Sie keine fertigen Lösungen an oder geben Ratschläge, sondern unterstützen Sie Ihr Kind, einen eigenen Weg zu finden. Im Laufe des Gespräches können sich so verschiedenen Lösungsmöglichkeiten herauskristallisieren und das Bestreben nach Selbstständigkeit Ihres Kindes wird unterstützt.

Umsetzung im Alltag

Übung: Ich-Botschaften

Neben dem aktiven Zuhören sind Ich-Botschaften ein hilfreiches Mittel, um sich und seine Gefühle in Problemsituationen offen und ehrlich auszudrücken. Ich-Botschaften sind Redewendungen, in denen Sie etwas über Ihre eigene Wahrnehmung sagen, von Ihren Gefühlen sprechen ohne den Anderen zu beschuldigen oder Vorwürfe zu machen. Sie drücken einen Wunsch, ein Gefühl oder eine Meinung aus. Dabei wird nicht das Kind als Person kritisiert, sondern es erhält eine Rückmeldung zu seinem Verhalten in der jetzigen Situation. Welche Formulierung kommt wohl besser an. «Du Faulpelz, tue endlich etwas» oder «Ich brauche dringend deine Hilfe!»? Probieren Sie es doch selbst einmal.

Ich-Botschaften hören sich anfangs gestellt und ungewohnt an, können aber im Gespräch mit dem Arbeitskollegen, Freunden oder dem Partner geübt werden.

Übung: Abbruch und Reflexion

Selbst bei bester Absicht kann sich ein Gespräch in eine ungewollte Richtung entwickeln. Auseinandersetzungen kommen in allen Familien vor. Hilfreich ist, das Gespräch dann erst einmal abzubrechen, bis sich die Erregung auf allen Seiten gelegt hat. Nun soll es nicht darum gehen, weiter zu diskutieren, sondern zu besprechen, wie alle im Streit miteinander umgegangen sind. Sprechen Sie über Gefühle und Ihre Motive, warum Sie sich so verhalten haben, was Sie erreichen wollten und wie es Ihnen dabei ging und entschuldigen Sie sich, wenn nötig. Dies unterstützt, sich gegenseitig zu verstehen und den Konflikt auf eine andere Weise zu lösen.